Andreas Sidler Wohnen im Alter

«Ich mache all das, was eine Schwiegertochter auch kann.»

Auch im hohen Alter möchten die meisten Menschen möglich selbstständig ihren Haushalt führen und jemanden haben, dem sie vertrauen können. Mit einer Ansprechperson vor Ort können Wohnbauträger und Siedlungsbetreiber diesen Wunsch unterstützen. Doch wie wird das gemacht und bezahlt? Das haben wir Wohnbauträger und Kontaktpersonen gefragt, die dieses Modell bereits umgesetzt haben.

Das aktuelle Age-Dossier 2020 zeigt anhand von ausgewählten Projektbeispielen auf, welche Möglichkeiten Planer und Trägerschaften haben, wenn sie in kleineren oder grösseren Alterswohnprojekten ein Wohnangebot mit Kontaktperson vor Ort entwickeln wollen. Der Blick in die Praxis macht deutlich, wie die Kontaktpersonen in Alterssiedlungen konkret arbeiten.

Für das Heft wurden zahlreiche Interviews mit Kontaktpersonen vor Ort und mit Wohnbauträgern geführt. Auch wenn sich ihre Rahmenbedingungen unterscheiden, verfolgen alle dasselbe Ziel: Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen in ihrer autonomen Lebensführung gestärkt werden. Dafür wird ihnen eine Ansprechperson zur Seite gestellt, die nicht nur punktuelle Unterstützung bietet, sondern auch für gute Nachbarschaftspflege sorgt. Der Blick in die Praxis zeigt, dass eine Kontaktperson vor Ort schon mit wenig Aufwand viel erreichen kann. In den untersuchten Wohnprojekten wohnt man weder im Heim noch in einer WG, sondern autonom und «normal». Die Bewohnerinnen und Bewohner haben die Unterstützung durch die Nachbarn und die Kontaktperson als Teil ihrer selbstbestimmten Lebensführung in ihren Alltag integriert, und die gegenseitige Achtsamkeit vermittelt ihnen grosse Sicherheit.

Trotz der guten Erfahrungen ist unter den Wohnbauträgern Skepsis spürbar, denn die Anwesenheitszeit in der Siedlung muss finanziert werden. Das gelingt durch eine kluge Organisation. Auch kleinere Siedlungen können sich ein solches Angebot durchaus leisten, die Beispiele im Heft zeigen, dass die Rechnung aufgeht. Damit das gelingt, braucht es in erster Linie die richtige Person, welche die herausfordernde Rolle als Kontaktperson vor Ort ausfüllen kann. In den Projektbeispielen hat man die passenden Leute gefunden. Im Age-Dossier sind sie porträtiert: die Hauswarte mit Sozialkompetenz, die Verwalterinnen, die im Siedlungsbüro oder an der Reception arbeiten, sowie die Pflegefachfrau der Spitex, die dreimal in der Woche im Gemeinschaftsraum anzutreffen ist. Sie alle füllen ihre Rolle als Kontaktperson unterschiedlich aus: Sie sehen sich als Beraterin, Ersatzschwiegertochter, Dienstleisterin, selten jedoch als Betreuerin. Gemeinsam ist ihnen die Achtung der Selbstbestimmung von Bewohnerinnen und Bewohnern.

Das Age-Dossier 2020 kann kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden: age-stiftung.ch/publikationen