Martin Radtke Digitalisierung

Mieterinnen und Mieter rufen die Spitex via Tablet

Im Rahmen eines Pilotprojekts in der Siedlung Erikastrasse mit 56 Wohnungen hat die Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich SAW die Mieterinnen und Mieter mit einem Tablet ausgerüstet. «Mieterinnen und Mieter können Dienstleistungen der Spitex Zürich SAW direkt übers Tablet bestellen», erklärt Andreas Dreier, Bereichsleiter der SAW-Spitex und Geschäftsleitungsmitglied der SAW. «Wir verfolgen die Strategie, ältere Menschen früh an unsere digitalen Kommunikationskanäle heranzuführen, damit sie diese später im Bedarfsfall auch nutzen.»

Andreas Dreier, Bereichsleiter Spitex Zürich SAW, Mitglied Geschäftsleitung SAW

Was gibt es für Rahmenbedingungen, um in einer Wohnung an der Erikastrasse wohnen zu können?
Rund 80 Prozent der Wohnungen sind subventioniert und für Personen mit geringem Einkommen reserviert. Ausserdem müssen verschiedene Anforderungen erfüllt sein, die in unseren Statuten definiert sind. Beispielsweise muss man über 60 Jahre alt sein und mindestens zwei Jahre in der Stadt Zürich gelebt haben. Wer diese Kriterien erfüllt, kann sich über die Beratungsstelle Wohnen im Alter der Stadt Zürich WiA ganz normal um eine Wohnung bewerben. Die Wartelisten sind lang. Je nach Objekt kann die Wartezeit bis sieben Jahre dauern.

An der Erikastrasse haben Sie alle Wohnungen mit Tablets ausgerüstet. Was war Ihre Motivation?
Wir wollen älteren Menschen, die in unseren Siedlungen leben, den Einstieg ins digitale Zeitalter erleichtern. Die nachfolgenden Generationen werden technisch noch viel affiner sein. Wir als Stiftung wollen bereit sein und Schritt halten mit der Digitalisierung.

Analoges und digitales Vernetzungsangebot

Wie sind Sie konkret vorgegangen?
Zunächst haben wir analysiert, wer in unseren Siedlungen wohnt. Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir nicht nur ein analoges sondern parallel auch ein digitales Vernetzungsangebot machen müssen. Denn so können wir die Lebensqualität unserer Mieterinnen und Mieter in unseren Siedlungen verbessern. Weil sich nicht alle ein Tablet leisten können, haben wir entschieden, auf Wunsch allen eines zur Verfügung zu stellen. Schliesslich haben 36 Mieterinnen und Mieter mitgemacht, das ist mehr als die Hälfte. Es entspricht unserer Philosophie: Die Nutzung muss freiwillig sein.

Und dann?
Die Ausrüstung mit den Tablets war bloss ein Teil der Aktivitäten rund um die Eröffnung der Erikastrasse. In der Phase nach der Eröffnung gab es zahlreiche weitere Angebote, wie beispielsweise nachmittags fixe Präsenzzeiten der Spitex-Mitarbeitenden und von der Hauswartung. Zudem haben wir eine IT-Sprechstunde angeboten. Gleichzeitig haben wir einen neuen Kommunikationskanal eingeführt: Die App «HomeBeat» soll die Vernetzung der Mieterinnen und Mieter untereinander vereinfachen und ist zugleich Kommunikationskanal von der Stiftung zu den Mieterinnen und Mietern. Damit können die Mieterinnen und Mieter aber auch Informationen zurück an uns schicken, und zwar in alle Geschäftsbereiche, also auch in die Spitex. Die zweite App nennt sich «WashMaster» und dient zur Reservation und Benutzung eines Teils der Waschmaschinen.

Einige haben sich ihr Tablet selber eingerichtet

Wie sah das Schulungskonzept aus?
Wir haben Schulungen für die Nutzerinnen und Nutzer angeboten, für alle zusammen. Eine besondere Herausforderung waren die unterschiedlichen Wissensstände: Einige haben sich ihr Tablet gleich selber eingerichtet, andere hatten das erste Mal in ihrem Leben ein Tablet in der Hand. So haben wir losgelegt.

Nach einer halben Stunde Schulung waren bestimmt alle auf dem aktuellen Stand und konnten es nutzen…
Oh – nein! Wir haben über ein halbes Jahr mit den Tablet-Nutzerinnen und -Nutzern in fast zahllosen Schulungen intensiv gearbeitet! Es waren ja nicht immer alle anwesend. In den ersten drei Monaten haben wir jede Woche während zwei Stunden Schulungen angeboten, die gut besucht waren. Jetzt, nach Abschluss der Schulungen, stellen wir fest, dass das Tablet vor allem genutzt wird, um Informationen zu empfangen. Aber bei vielen ist es immer noch eine Hürde, es auch zu nutzen, um Informationen zu versenden. Langfristig soll das Tablet helfen, die Sicherheit der Mieterinnen und Mieter zu erhöhen. Sind sie gewohnt, mit einem Tablet umzugehen und sich darüber Hilfe zu holen, machen sie es hoffentlich immer häufiger…

… also zum Beispiel die Spitex rufen?
Richtig, ja. Ich glaube, die Schwelle ist mit dem App «HomeBeat» besonders tief. Und das ist das Ziel.

Übersichtlicher Einsatzraum ohne grosse Touren

Wie ist die Spitex SAW organisiert?
Die Spitex Zürich SAW gliedert sich in drei Gebiete und ist verteilt auf neun Standorte. Pro Standort gibt es eine fallführende Person, die für die zugeteilten Siedlungen zuständig ist. Wir arbeiten in relativ kleinen Teams. Der Einsatzraum ist sehr übersichtlich, grosse Touren kennen wir nicht. Eine weitere Besonderheit der Spitex Zürich SAW ist, dass wir im Rahmen des Stiftungsauftrags auch im Bereich Spitex zusätzliche Dienstleistungen anbieten. In der Erikastrasse ist das beispielsweise zweimal wöchentlich eine offene Sprechstunde, in der Blutdruck und -zucker gemessen werden können, aber auch soziale und finanzielle Beratung angeboten wird. Diese Dienstleistung und andere gehören zum «Grundleistungspaket» der Stiftung, das alle Mieterinnen und Mieter über eine Pauschale mitfinanzieren.

Die App «HomeBeat» macht möglich, dass der Spitex unkompliziert und schnell Meldungen geschickt werden. Wie haben die Spitex-Mitarbeitenden auf diesen neuen Kommunikationskanal reagiert?
Sehr, sehr positiv. Wir haben uns in den letzten Jahren bezüglich Digitalisierung stark entwickelt. Gerade vor wenigen Wochen haben wir bei der Spitex das letzte Papierdokument abgeschafft. Unsere Spitex-Mitarbeitenden haben gesehen, dass wir nun auch bei den Mieterinnen und Mietern einen Schritt hin zur Digitalisierung machen. Da wurde deutlich, dass wir als Stiftung an die Digitalisierung glauben. Das wirkt motivierend.

Zugang zur Digitalisierung solange jemand noch fit ist

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie geht es weiter?
Wir werten die Erfahrungen aus, insbesondere wie wir die Schulung in Zukunft optimieren können. Im Nachhinein müssen wir feststellen, dass die Lernniveaus für eine gemeinsame Schulung zu unterschiedlich sind. Aber wir halten an den Tablets fest. Die nächste Siedlung werden wir auch wieder mit «HomeBeat» und «WashMaster» ausrüsten. Wir werden weiter an der Digitalisierung arbeiten müssen. Denn die Geschwindigkeit, mit der Informationen heute aufbereitet und verteilt werden, macht es zunehmend schwierig, alle Informationen immer auch analog anzubieten. Der Kern unserer Digitalstrategie ist denn auch: Den Zugang zur Digitalisierung dann ermöglichen, wenn die Leute noch fit sind, damit sie die Möglichkeiten nutzen können, wenn sie körperlich und geistig stärker eingeschränkt sind.


Abschlussfilm Tablets4all


Andreas Dreier leitet seit 2016 den Bereich Spitex und ist Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich SAW. Die Spitex Zürich SAW gehört zur Spitex Zürich, welche zusammen mit der Spitex Zürich Limmat und Spitex Zürich Sihl das Stadtgebiet von Zürich mit Spitex-Dienstleistungen versorgt. Die 85 Mitarbeitenden der Spitex Zürich SAW betreuen von 9 Standorten aus rund 2000 Wohnungen in verschiedenen SAW-Siedlungen.

Andreas Dreier war vor seinem Eintritt in die SAW in verschiedenen Instituten in Führungspositionen tätig, immer in der Langzeitpflege. Ursprünglich hat sich Andreas Dreier als Pflegefachmann ausbilden lassen.

Andreas Dreier begleitet verschiedene Projekte rund um die Digitalisierung für älteren Menschen intensiv.