Martin Radtke Leadership

Spitex-Management als Serviceleistung

«Wir haben eine Idee zu Papier gebracht, die aufzeigt, wie Spitex-Organisationen wirtschaftlicher organisiert werden können», sagt Titus Natsch, Direktor der Spitex Region Birs GmbH, und gleichzeitig Geschäftsführer der eigenständigen Spitex Pratteln-Augst-Giebenach GmbH. Insgesamt leitet Titus Natsch zusammen mit seinem Management-Team gegen 200 Mitarbeitende, die in elf Gemeinden, in zwei Kantonen über 60’000 Einwohnerinnen und Einwohner mit Spitex-Leistungen versorgen. Im Interview erklärt Titus Natsch, wie es zum «Spitex-Management als Serviceleistung» kam, wie die heutige Spitex-Landschaft effizienter organisiert werden könnte und warum es keinen Sinn macht, die beiden Betriebe, die er führt, zu fusionieren.

Das Management der Spitex Region Birs GmbH führt auch die eigenständige Spitex Pratteln-Augst-Giebenbach. Wie ist es zu diesem doch eher ungewöhnlichen Modell gekommen?
Titus Natsch: Das Modell gibt es seit 2012. Ich hatte immer eng mit der Geschäftsführerin der Spitex Pratteln zusammengearbeitet. Mit ihrer Pension ging die Suche nach Lösungen los. Die Verantwortlichen in Pratteln sind dann auf die Idee gekommen, dass wir ihre Spitex zusätzlich leiten könnten. Wir haben Berechnungen angestellt und dabei herausgefunden, dass es für beide Seiten interessant ist. Das haben wir dann umgesetzt.

Titus Natsch, Direktor Spitex Region Birs GmbH und Geschäftsführer Spitex Pratteln-Augst-Giebenbach GmbH

Das Management der Spitex Region Birs GmbH führt auch die eigenständige Spitex Pratteln-Augst-Giebenbach. Wie ist es zu diesem doch eher ungewöhnlichen Modell gekommen?
Titus Natsch: Das Modell gibt es seit 2012. Ich hatte immer eng mit der Geschäftsführerin der Spitex Pratteln zusammengearbeitet. Mit ihrer Pension ging die Suche nach Lösungen los. Die Verantwortlichen in Pratteln sind dann auf die Idee gekommen, dass wir ihre Spitex zusätzlich leiten könnten. Wir haben Berechnungen angestellt und dabei herausgefunden, dass es für beide Seiten interessant ist. Das haben wir dann umgesetzt.

Wie kann man sich dies vorstellen? Verkauft die Spitex Region Birs GmbH «Führungsstunden» an die Spitex Pratteln-Augst-Giebenbach?
Ja, zu Beginn waren es Leistungen in den Bereichen Führung, Finanzen und Personal. Wir haben den Umfang definiert, damit wir alle eine Vorstellung hatten, wovon wir sprechen. Für die Führungsleistungen, um ein Beispiel zu nennen, haben wir rund 30 Stellenprozent veranschlagt. Ende Jahr haben wir dann stundengenau abgerechnet. Die Basis sind Stundensätze. Die sind so fair, dass es für die Spitex Pratteln-Augst-Giebenbach deutlich teurer käme, die Leistungen woanders einzukaufen oder eigene Mitarbeitende anzustellen. Und für die Spitex Region Birs GmbH sind es willkommene Einnahmen.

Was gibt es für Erfahrungen mit diesem Modell?
Mit der Zeit hat sich die Zusammenarbeit auf den ganzen Betrieb übertragen. Wir haben beispielsweise begonnen, gemeinsame Projekt durchzuführen wie die Einführung der elektronischen Dokumentation oder die Definition gewisser Pflegestandards. Es kamen weitere Bereiche dazu, beispielsweise Ausbildung und Informatik. Unsere Ausbildungsverantwortliche und unser IT-Verantwortlicher arbeiten heute beide auch für die Spitex Pratteln-Augst-Giebenbach. Es gibt auch den umgekehrten Fall: Die Verantwortliche für Qualitätsmanagement ist bei der Spitex Pratteln-Augst-Giebenbach angestellt – und die Spitex Region Birs GmbH kauft die Leistungen ein. Alle diese Fachleute konzipieren ihre Bereiche gleich für beide Betriebe.

Geplante Versorgungsregionen in Kanton Basel-Landschaft
Es drängt sich jetzt die Frage auf: Warum fusioniert man die Betriebe nicht?
Es gab Gespräche in diese Richtung – und einmal standen wir ganz kurz vor einem Zusammenschluss. Als Argument dagegen wurde etwa die Distanz zwischen Reinach und Pratteln ins Feld geführt. Es sind rund 13 Kilometer. Doch seit 2017 wissen wir, dass es in Basel-Landschaft Versorgungsregionen geben soll. Es ist klar, dass Reinach und Pratteln nicht in der gleichen Versorgungsregion sein werden. Darum macht eine Fusion keinen Sinn mehr. Inhaltlich wäre eine Fusion der richtige Schritt. Denn bestimmte Dinge laufen heute doppelt: So brauchen wir zum Beispiel zwei Personalreglemente oder tätigen den Materialeinkauf für zwei Firmen und es gibt zwei strategische Führungsgremien, was die Anzahl Sitzungen verdoppelt. Es gäbe also noch Sparpotenzial.

Stichwort Versorgungsregionen: Gehören die anderen Gemeinden der Spitex Region Birs GmbH der gleichen Versorgungsregion an?
Die Gemeinden Dornach, Gempen und Hochwald gehören zum Kanton Solothurn. Doch die anderen sieben Basellandschaftlichen Gemeinden bilden eine Versorgungsregion. In der gleichen Versorgungsregion ist übrigens auch die Spitex Birseck, welche die Gemeinden Arlesheim und Münchenstein versorgt. Die Basis für die Versorgungsregionen ist im Kanton Basel-Landschaft das Alters-, Betreuungs- und Pflegegesetz. Es verlangt nicht, dass es bloss eine einzige Organisation gibt, die eine bestimmte Dienstleistung erbringt. Die Gemeinden sind im ambulanten Bereich frei in ihrer Entscheidung. Persönlich bin ich der Meinung, dass es ab einer bestimmten Grösse durchaus Sinn macht, Synergien zu nutzen. Wir könnten in unserem Agglomerationsgebiet rund 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner problemlos mit einer effizienten Organisation versorgen. In einer ländlichen Umgebung sieht das möglicherweise anders aus.

Synergien sind beim Management und bei Funktionen wie Personal, Aus- und Weiterbildung, Qualitätsmanagement, Finanzen, Kommunikation, Informatik möglich.

Titus Natsch, Direktor Spitex Region Birs GmbH

Wo sind die meisten Synergien möglich?
Kaum bei den Kerndiensten wie Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft. Sondern vielmehr beim Management und Funktionen wie Personal, Aus- und Weiterbildung, Qualitätsmanagement, Finanzen, Kommunikation, Informatik.

Spinnen wir den Gedanken vom «Management as a Service» weiter. Ist es denkbar, dass noch weitere Spitex-Organisationen vom gleichen Management-Team geleitet werden?
Ja, absolut, denn so ist die Spitex Reinach gross geworden. Wir haben mal eine Idee zu Papier gebracht, die eine Holdingstruktur vorsieht. Danach gibt es Betriebe, die vor Ort lokal in den Gemeinden das Kerngeschäft abdecken und in einem Überbau werden alle kostenintensiven, nicht Ertrag generierenden Dienste zusammengeführt, die ihre Leistungen für die einzelnen Betriebe erbringen. Ein solches Modell erachte ich als machbar und sinnvoll. Denn es ist wirtschaftlicher als es die bisherigen Spitex-Strukturen sind.

Weshalb wird ein solches Modell nicht umgesetzt?
Früher waren Spitex-Organisationen Vereine, die in Dörfern ehrenamtlich andere Menschen gepflegt und betreut haben. Heute sind Spitex-Organisationen hoch professionelle und hoch spezialisierte Unternehmen, die Frühaustritte aus Spitälern betreuen, die ambulante Altersversorgung sicherstellen und Altersheimeintritte verhindern. Die Spanne zwischen damals und heute ist riesig. Und diese Entwicklung hat noch nicht überall stattgefunden. Es gibt immer noch viele Leute, die im lokalen Kleinkosmos denken. Wahrscheinlich braucht es noch Zeit. Ich verstehe die historisch gewachsene Denkweise. Doch sie entspricht nicht mehr der Komplexität, die uns als Spitex fordert und auf die wir täglich Antworten finden müssen.

Erst ab einer bestimmten Unternehmensgrösse kann man spezialisierte Teams aufbauen und es gibt ausreichend Fälle, in denen das Spezialwissen gefragt ist und so eine Routine entwickelt werden kann.

Titus Natsch, Direktor Spitex Region Birs GmbH

Hat Grösse neben betriebswirtschaftlichen Aspekten auch noch andere Vorteile?
Auf jeden Fall, ja. Wir haben beispielsweise ein Psychiatrieteam mit sieben Mitarbeitenden – alles bestens ausgebildete Fachpersonen. Zudem haben wir drei Wundexpertinnen, die sich auf die Versorgung von komplexen Wunden etwa nach Spitalaustritt konzentrieren. Erst ab einer bestimmten Unternehmensgrösse kann man solche Teams aufbauen. Und erst ab einer bestimmten Grösse gibt es ausreichend Fälle, in denen das Spezialwissen gefragt ist und so eine Routine entwickelt werden kann. Das alles trägt zu einer besseren Qualität bei. Ein weiterer Aspekt: Wir bieten in unserem Einzugsgebiet eine 24-Stunden-Versorgung an. Auch das ist nur möglich, wenn ein Unternehmen eine bestimmte Grösse hat.

Wer muss der Schrittmacher sein, damit sich Spitex-Organisationen zu moderneren Unternehmen entwickeln? Die Politik oder die Spitex?
Es braucht beides. Die Spitex muss aus ihrem lokalen Denken ausbrechen – und ich muss nochmals betonen: Das Kerngeschäft kann problemlos vor Ort erbracht werden und das macht auch Sinn. Doch auch die Politik muss weiterdenken. Mich befremden Aussagen von Politikerinnen und Politikern, die sagen: Oh, die Spitex wird langsam gross! Und immer teurer! Offensichtlich machen sie sich keine Überlegungen, ob die Organisation auch betriebswirtschaftlich Sinn macht und durch verzögerte Heimeintritte auch Kosten gespart werden können.

Jetzt haben wir ein Hohelied auf die Grösse einer Organisation gesungen. Beleuchten wir die Kehrseite der Medaille: Wo ist Grösse hinderlich?
Beide Spitex-Organisationen, die ich führe, haben zusammen rund 200 Mitarbeitende an vier Standorten. Ein Schlüsselfaktor und im Alltag auch nicht immer einfach ist deshalb die interne Kommunikation. Es ist eine grosse Herausforderung, alle Mitarbeitenden stets über alle wichtigen Themen auf dem Laufenden zu halten. Gleichzeitig sollen sie nicht mit Informationen überflutet werden. Unsere Lösung hierfür ist eine Kommunikations-App für Mitarbeitende. Alle sind verpflichtet, einmal täglich die Informationen anzuschauen. Wichtige Informationen werden nur noch über die App verbreitet.

Letzte Fragen und damit Carte Blanche: Worüber sollten wir noch sprechen?
Wichtig ist mir folgender Hinweis: Ich halte nichts davon, öffentliche und private Spitex-Organisationen gegeneinander auszuspielen. Wir arbeiten sehr gut mit privaten zusammen. Es gibt Aufträge, die können wir ohne deren Unterstützung gar nicht bewältigen. Wir arbeiten aber nur mit Organisationen zusammen, von denen wir wissen, dass die Arbeitsbedingungen korrekt sind.


Titus Natsch leitet seit ihrer Gründung 2014 die Spitex Region Birs GmbH, die aus den Spitex-Organisationen Reinach, Birstal und Dornach hervorgegangen ist. Titus Natsch führte die Spitex Reinach bereits seit 2006. Die Spitex Region Birs GmbH versorgt mit 140 Mitarbeitenden sieben Basel-Land-Gemeinden und die Solothurner Gemeinden Dornach, Gempen und Hochwald. Im Einzugsgebiet leben rund 45’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Zudem führt Titus Natsch und sein Management-Team seit 2012 die Spitex Pratteln-Augst-Giebenach GmbH mit rund 50 Mitarbeitenden, die drei Gemeinden mit rund 18’000 Einwohnerinnen und Einwohner versorgt.
Vor seinem Spitex-Engagement war Titus Natsch Berater für Organisationsentwicklung. Zudem war er in der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege in führenden Positionen tätig. Er übernimmt auch heute noch vereinzelte Beratungsmandate im Gesundheitswesen, vor allem im Spitexbereich.